Tempolimit: Kommt es? Was bringt es?

Tempolimit: Kommt es? Was bringt es?

Was hat Deutschland mit Nordkorea, Somalia, Myanmar, Afghanistan und dem Libanon gemeinsam? Richtig, kein generelles Tempolimit auf Schnellstraßen bzw. Autobahnen. Warum Deutschland als einziges Land in Europa noch kein Tempolimit hat und ob eine Einführung wirklich Vorteile für Umwelt und Verkehrssicherheit hätte, erfährst du in diesem Blogbeitrag.

Die Debatte um das Tempolimit wurde durch den Krieg in der Ukraine und der damit zusammenhängenden Veränderung der Geschäftsbeziehungen zu Russland als Gas- und Ölexporteur erneut entfacht. Das Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen war demnach unter anderem Thema bei der Umweltministerkonferenz im Mai dieses Jahres, wurde aber mit dem Verweis auf den Koalitionsvertrag und dem darin festgehaltenen Zugeständnis zur FDP, kein Tempolimit einzuführen, abgeschmettert. Quasi nach dem alten Motto „freie Fahrt für freie Bürger“. Jedoch schon 3 Jahre zuvor schlug im März 2019 eine Kommission für mehr Klimaschutz im Verkehr ein Tempolimit von 130 km/h vor. Das Verkehrsministerium unter Leitung der CSU und der ADAC stellten sich damals jedoch dagegen. Aber auch zu Zeiten einer rot-grünen Regierungskoalition scheiterten 2004 die Bemühungen einer Einführung. Doch woran liegt es, dass Deutschland ein solches Außenseiterdasein innerhalb der EU hegt und die Debatte sich über Jahrzehnte zieht?

Zuerst einmal muss man sagen, dass es für politische Entscheidungen in den meisten Fällen einen Rückhalt und Zustimmung aus der Bevölkerung braucht, um als Partei keine Wählerstimmen zu gefährden. Die deutsche Bevölkerung ist, was das Tempolimit angeht, aber nach wie vor eher unentschlossen. Zwar scheint es eine Tendenz zu mehr Akzeptanz zu geben, jedoch sind die Ergebnisse der aktuellen Umfragen noch sehr heterogen. War 2004 noch ca. die Hälfte der Bevölkerung gegen ein Tempolimit von 130, ist es heute noch ca. 1/3. Es scheint also auch im Zuge eines steigenden Umweltbewusstseins mehr Befürworter einer Einführung zu geben, als noch vor knapp 20 Jahren. Paradoxerweise gibt es jedoch Hinweise darauf, dass jüngere Menschen eher gegen ein Tempolimit sind als ältere.

Argumente gegen eine Einführung sind vor allem, dass es keine signifikanten positiven Effekte auf die Umwelt und die Verkehrssicherheit hätte. So wird häufig zitiert, dass deutsche Autobahnen im Vergleich zur Landstraße oder innerorts die sichersten Straßen seien und die Sicherheit sowie der Ausstoß von Treibhausgasen und Stickoxiden sich aufgrund der hohen Verkehrsdichte nicht verbessern würden. Diese hat nämlich zur Folge, dass sich die meisten Fahrer sowieso bereits an die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h halten. So betrug die Durchschnittsgeschwindigkeit auf Autobahnabschnitten ohne Geschwindigkeitsbegrenzung nach einer BASt-Studie von 2010 bis 2014 124,7 km/h, wobei lediglich jeder Dritte schneller als 130 und nur jeder Zehnte schneller als 150 fuhr.

Im internationalen Vergleich lassen sich sowohl Beispiele für mehr Tote und Verletzte in Ländern mit Tempolimit finden, zum Beispiel Belgien, aber auch für deutlich weniger, wie in Österreich. Nach einer Studie des Verkehrsclubs Österreich aus 2018, gab es in den vorangegangenen Jahren in Österreich deutlich weniger Unfälle, Verletzte und Todesopfer als in Deutschland. Je gefahrenem Autobahnkilometer kam es in Deutschland zu 51 % mehr Unfällen, 61 % mehr Verletzten und 25 % mehr Getöteten.

Da die Auswirkungen eines Tempolimits auf die Verkehrssicherheit jedoch offensichtlich von mehreren Faktoren abhängen, ist eine innerdeutsche Längsschnittstudie wohl die beste Methode, um eine Kausalbeziehung zwischen Tempolimit und Unfallstatistik herzustellen. Im Dezember 2002 wurde auf einem 62 km langen Abschnitt der A24 eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 km/h eingeführt, auf dem vorher kein Tempolimit galt. In den drei Jahren nach der Einführung halbierte sich die Zahl der Unfälle, die Zahl der Verletzten sowie die Zahl der Todesopfer im Vergleich zu den drei Jahren vor der Einführung. Ähnliche Effekte erzielte man durch die Einführung eines Tempolimits auf einem Autobahnabschnitt der A4 in Nordrhein-Westfalen, der in den drei Jahren zuvor eine traurige Bilanz von zahlreichen Verletzten und insgesamt 9 Getöteten aufwies.

Die Durchschnittsgeschwindigkeit würde bei einem Tempolimit von 130 km/h zwar nur geringfügig sinken, da sich, wie vorhin schon erwähnt, die meisten Fahrer schon an der empfohlenen Richtgeschwindigkeit orientieren, jedoch kam eine Studie im Auftrag des Landes Brandenburg zu dem Ergebnis, dass die Einführung eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 130 km/h den Verkehr homogenisieren und damit die Kapazität eines Fahrstreifens um 100 Fahrzeuge pro Stunde erhöhen würde. Ohne Tempolimit werden die verschiedenen Fahrstreifen nämlich aufgrund der hohen Geschwindigkeitsschwankungen zwischen den Fahrzeugen sehr ineffizient genutzt. Zusätzlich würden laut dem Umweltbundesamt 1,9 Millionen Tonnen CO₂, was mindestens 600 Millionen Litern Sprit entspräche, durch eine Beschränkung auf 130 km/h eingespart.

Mit der sogenannten „Vision Zero“, also der Reduktion von Verkehrstoten auf deutschen Straßen auf Null, hat sich der Deutsche Verkehrssicherheitsrat bereits vor 10 Jahren positioniert und empfiehlt zur Verkürzung von Anhaltewegen und einem damit verbundenen geringeren Risiko für schwere Unfälle ein generelles Tempolimit. Sogar der ADAC rückte im Januar 2020 von seiner bisherigen ablehnenden Haltung ab und schließt ein generelles Tempolimit nicht mehr kategorisch aus. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage im Mai dieses Jahres zeigt, dass eine knappe Mehrheit von 52 % der ADAC-Mitglieder für eine Einführung sind, im Gegensatz zu 44 %, die dagegen votierten. Dabei geht der Trend in den letzten 8 Jahren jedoch deutlich in Richtung einer Befürwortung. Das Totschlagargument gegen eine Einführung eines Tempolimits, deutsche Autobahnen seien die sichersten Straßen, wird der Verband der deutschen Automobilindustrie trotzdem nicht müde zu gebrauchen, obwohl es an sich kein Grund ist, eine Straße nicht noch sicherer, effizienter und umweltfreundlicher zu gestalten, Stichwort „Vision Zero“. Das Thema Tempolimit wird uns vermutlich noch viele weitere Jahre begleiten und Einzug in die Wahlkämpfe der Zukunft halten…